Drei Irre unterm Flachdach

Zuerst hatte ich einen Großvater, dann eine Großmutter und dann Eltern und alles andere, was so zum Leben gehört. Großvater steht immer im Vordergrund, er schiebt sich vor alle andern Bilder, wenn ich mich an früher erinnere.

Die Erklärung für so viel Präsenz ist einfach: Großvater hatte ein Ding zu laufen. Dass er sich das im KZ eingefangen hatte, wusste ich damals noch nicht, denn niemand hatte es mir gesagt. Ich wusste nicht mal, dass man sich im KZ überhaupt was einfangen konnte. Jedenfalls ließ Großvater an dem Ding, das er zu laufen hatte, alle teilhaben. Es ging gar nicht anders, denn er war ja Gott sei Dank – wie hätte ich sonst mit ihm aufwachsen können – ein freier Mann.

Mann für Mann

Sie grub die rot lackierten Nägel in die Armlehnen der hellen Stoffsessel, in denen sie schon beim letzten Mal gesessen hatten. Diesmal hörten sie Bruckner und tranken die zweite Kanne Tee, und alles sah so aus, als würde auch dieses Treffen mit nichts als einem flüchtigen Kuss auf die Stirn enden. Der Tee regte sie auf, sie wollte Wein, aber Hesse bot keinen an. Warum empfing er sie überhaupt? Was spielte der denn? Sie war doch kein Neutrum, mit diesen Fingernägeln, und was ihre Mutter dachte war ihr inzwischen egal. Sie wollte, dass Hesse sie ernst nahm und küsste, richtig küsste, aber sie hatten wieder nur über Vorsprechrollen und Blaue Pferde auf rotem Grund geredet, und diskutierten seit geraumer Zeit den Steppenwolf. Sie aber hatte jetzt genug vom Steppenwolf und wollte einen Zungenkuss. Es war bereits nach einundzwanzig Uhr.
Hesse hörte nicht auf. Er redete und redete, über den Wolf und über den Menschen, über den Wolf im Menschen und den Menschen im Wolf, über die Einsamkeit seiner menschlich-wölfischen Seele und über die einsame menschliche Seele im Wolf, redete so was oder so ähnliches, sie hörte schon gar nicht mehr hin, als sie beschloss, zu gehen. Sie hielt das nicht aus. Das war ihr noch nie passiert, dass ein Mann nur mit ihr reden wollte, nichts weiter wollte als reden. Das konnte er mit einem Freund machen, stundenlang reden, aber nicht mit ihr, dazu war sie sich zu schade, und es war inzwischen schon fast zweiundzwanzig Uhr. „Wahrscheinlich hast du Recht,“ verkündete sie, „der Wolf ist ein Mensch und der Mensch ist ein Wolf, aber ich muss jetzt, leider.“
Als sie aufstand registrierte sie mit Genugtuung, dass die vietnamesische Bastmatte nun schon vier Löcher hatte. Daran war Hesse selber schuld. Wenn er sie nicht verführte und immer nur über Wölfe sprach, dann ruinierte sie eben seine Auslegeware.
Sie stakste zur Garderobe und war dabei, ihren Mantel anzuziehen, als Hesse plötzlich hinter ihr stand. Er zog ihr den Mantel wieder aus und schob seine Hand in ihren Schritt. Er griff nach ihr, packte sie zwischen den Beinen, hinderte sie so am Gehen, nicht, weil sie nicht gekonnt hätte, sondern weil sie erstarrte. Der hielt sie fest, wie sie niemals vorher festgehalten worden war.
„Bleib, Sibylle. Bitte bleib. Ich kann nicht ... nicht mehr länger warten.“ Ihr Herz schlug im Kehlkopf. Sie hatte nicht weiter gedacht als bis zu einem Zungenkuss.
Was machte man denn, wenn man so angefasst wurde? Sollte man stillhalten oder sich wehren oder irgendwas sagen? Aber was, um Gottes willen, sollte sie denn sagen? Sie war ja vollkommen verkrampft im Moment, da konnte sie nichts sagen. Sie spürte jetzt wieder die Hand zwischen ihren Beinen. Die hatte sie ganz vergessen. Sie entschied sich stillzuhalten und abzuwarten, bis Hesse was sagte. Irgendwas musste er sagen, musste er aber auch nicht.
„Komm. Komm mit, ja?“
„Ja.“
„Ja?“
„Ja. Ja, ja.“
„Ja? Kommst du mit?“
„Ja!“
Hesse nahm sie an der Hand und zog sie zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich in einen der Sessel fallen. Sie begriff nicht. Sollte sie sich auch wieder hinsetzen? Das konnte nicht sein. Aber was machte sie dann? Irgendwas musste sie machen. Sie stand dumm rum, und das war albern, dass sie so dumm rum stand, nur, weil Hesse sich wieder gesetzt hatte.
„Bleib da stehen. Bitte. Kannst du genau da stehen bleiben?“
„Ja.“
„Ja?“
„Ja.“
„Ich will dich einfach nur ansehen. Das willst du doch auch, angesehen werden. Willst du das?“
„Ja.“
„Ja? Ich muss wissen, dass du das wirklich willst.“
„Ja. Das will ich.“
„Dann zieh dich aus. Geht das?“
„Ja.“
„Dann mach es. Zieh dich ganz langsam aus.“
Sie tat das zum ersten Mal, zog sich zum ersten Mal so vor einem Mann aus. Hatte keine Ahnung, fragte sich, wie schnell ganz langsam war oder wie langsam eben, fing einfach an, knöpfte die Bluse auf und ließ sie fallen, nestelte am Verschluss ihres BH´s, den sie zum ersten Mal versuchte auf dem Rücken zu öffnen – sie streifte sonst immer die Träger ab und drehte den Verschluss nach vorne, was sie bei ihrer Großmutter abgeguckt hatte, eine blöde Angewohnheit, die ihr jetzt im Weg stand, weil sie den Verschluss auf diese Art nicht aufbekam – bekam ihn doch auf, war halb nackt, immerhin, stieg aus ihren Absatzschuhen, die keine Riemchen mit Schnallen hatten, was ein großes Glück war, knöpfte ihre Jeans auf und schob sie langsam, wenn das langsam war, über den Hintern, die Knie, die Waden, die Knöchel, dachte, dass sie es gleich geschafft hatte und begann, langsam ihren Slip über die Hüften zu schieben, wenn langsam war, was sie als langsam empfand.
„Halt. Warte damit noch!“ Hesse hatte den Tonfall gewechselt. Er bat nicht mehr, er ordnete an. Sie legte die Hände an die Außenseiten ihrer Oberschenkel.
„Dreh dich um. Ich will dich von hinten sehen.“ Sie drehte sich um. „Zieh jetzt das Höschen runter. Halt! Das reicht.“
So, mit halb heruntergelassenem Slip, Hesse ihre Rückansicht bietend, stand sie lange da. Das war erniedrigend, sehr erniedrigend sogar. Sie stand da und ließ sich anstarren und war sich selber fremd, weil sie zwischen ihren Beinen spürte, wie sehr sie dieses Ausgeliefertsein erregte.
Er hatte sie sich dann wieder rumdrehen und den Slip ganz ausziehen lassen, war aufgestanden und zu ihr gekommen, hatte sie wieder an die Hand genommen und war mit ihr ins Schlafzimmer gegangen, hatte später ihr Gesicht in seinen Händen gehalten und immerzu gesagt, dass sie nun wohl in Teufels Küche kämen.

Sie aßen, was Hesse auf Vorrat im Haus hatte. Eier und Ölsardinen. Die Eier wurden lange gekocht. Am besten schmeckten sie, wenn das Eigelb eine bläuliche Färbung angenommen hatte, darüber waren sie sich einig. Dann gingen sie in das hintere Zimmer, wo es am kühlsten war und legten sich aufs Bett. Sie schliefen seit drei Wochen miteinander. Morgens, mittags, abends, nachmittags und in der Nacht. Zwischendurch gingen sie in eine der Kneipen im Karree und tranken Wein aus schweren Gläsern mit großem Kelch und gedrehtem Fuß. Sie hatten die Wahl zwischen Café Capri, Andys Stube, dem Eicheneck und der Mussorgski-Klause. Sie saßen jeweils an der Bar, niemals am Tisch. Sibylle liebte die Mussorgski-Klause. Sie gehörte einem schwulen Paar, das eine Vorliebe für Roger Whittacker hatte und unentwegt Platten von ihm auflegte. „Abschied ist ein scharfes Schwert ...“, dröhnte es ihnen an der Kneipentür entgegen, und sie sang mit und kniff Hesse lachend in die Seite. Für sie würde es so schnell keinen Abschied geben. Sie war zum ersten Mal in ihrem Leben angekommen.
Dann, zu Hause, liebten sie sich wieder und schliefen manchmal dabei ein.

Sibylle tat alles was Hesse verlangte, und das wurde immer mehr. Er tastete sich ran, formulierte Wünsche immer erst als Bitte und begann zu fordern, wenn sie ihm zeigte, wie bereit sie war, die Wünsche zu erfüllen. Warum gefiel ihr das? Warum gefiel es ihr, sich ihm zu unterwerfen, warum verspürte sie solche Lust, wenn er ihr nur befahl, sich vor ihm auszuziehen? Sie fragte sich, ob irgendwas mit ihr nicht stimmte, ob sie vielleicht schizophren war, so nannte man das doch, wenn jemand von sich glaubte, dass er noch ein anderer war, und sie war ja eine andere, während sie so was machte.